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Zweiter ICOMOS Weltreport über Denkmäler in Gefahr (Heritage at Risk)
Mehr denn je steht unser Kulturerbe im Brennpunkt politischer und ethnischer Konflikte und kann sogar zum militärischen Ziel werden. Auf dem Cover des neuen Weltreports von ICOMOS über Denkmäler und Historische Stätten in Gefahr - Heritage at Risk 2001/2002 - ist deshalb der große Buddha von Bamiyan vor und nach der Sprengung durch die Taliban im März 2001 abgebildet, - ein Akt des Vandalismus, der weltweite Empörung ausgelöst hat. Über weitere Attentate auf unersetzliche Kulturdenkmäler berichtet der Weltreport, darunter die Sprengung der berühmten Stele von Metera in Eritrea durch die äthiopische Armee und die Verwüstung von Mnajra, einem prähistorischen Heiligtum in Malta. Dazu kommen in vielen Ländern die Folgen von Naturkatastrophen wie Stürmen, Überschwemmungen und Erdbeben, aber auch von Menschen verursachte Katastrophen, wie die sich auch auf die Denkmäler auswirkenden Folgen der allgemeinen Umweltverschmutzung. Außerdem belasten das starke Bevölkerungswachstum und die rapide wirtschaftliche Entwicklung in Verbindung mit immer kürzeren Zyklen von Abbruch und Neubau unsere Umwelt und führen zu immer größerem Landverbrauch, dem nicht nur archäologische Stätten, sondern auf Dauer ganze in Jahrhunderten gewachsene Kulturlandschaften zum Opfer fallen.
ICOMOS, der 1965 gegründete Internationale Rat für Denkmalpflege (International Council on Monuments and Sites) ist Berater der UNESCO in Fragen des Weltkulturerbes. Mit seinen ca. 7.000 Mitgliedern in mehr als 110 Nationalkomitees setzt sich ICOMOS für Schutz und Pflege von Denkmälern, archäologischen Stätten, Ensembles und Kulturlandschaften ein. Als weltweit präsente nichtstaatliche Organisation kann ICOMOS über das bedrohte historische Erbe ohne politische Rücksichtnahme informieren und gefährliche Trends rechtzeitig erkennen. So vereinigt der neue Weltreport mit Beiträgen aus mehr als 70 Ländern alarmierende Nachrichten aus einer sich wie nie zuvor verändernden Welt, von der Zerstörung archäologischer Stätten durch Raubgrabungen bis zu den zum Teil verheerenden Folgen des Massentourismus.
Weltweit gefährdet sind historische Stadtkerne und Altstädte, die zum Teil schon seit Jahrzehnten unter rücksichtslosen Erneuerungsprozessen leiden, ein Beispiel dazu der Bericht über die Altstadt von Damaskus. Auch die traditionelle ländliche Architektur droht in vielen Ländern ganz zu verschwinden. Zu den besonderen Risiken für das Kulturerbe gehören die im neuen Report in einem eigenen Beitrag behandelten Staudammprojekte, darunter in der Türkei der Staudamm von Birecik, der die antike Stadt Zeugma unter Wasser gesetzt hat. Selbst in der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes verzeichnete berühmte Denkmäler und historische Stätten sind keineswegs alle außer Gefahr. Nachdem schon im Weltreport 2000 von ICOMOS auf die skandalösen Zustände in Pompeji hingewiesen wurde, zeigt der neue Report leider das gleiche Bild in Herculaneum.
Der Bericht über die Lage der Denkmalpflege in Deutschland umfaßt eine Fallstudie zu Berlin. Im übrigen wird erneut auf das - hoffentlich in dieser Form nicht zur Realisierung kommende - Kaufhausprojekt am Lübecker Marktplatz hingewiesen.
Aus einigen Ländern berichtet der neue Weltreport von ICOMOS zum ersten Mal, so aus der Ukraine, Weißrußland und Georgien, wo der Zustand vieler Schlösser und Kirchen größte Sorgen macht.
Mit seinem Weltreport will ICOMOS nicht nur informieren, sondern zur Rettung des Kulturerbes beitragen. So möchten wir uns hier ganz besonders beim Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland bedanken, das ICOMOS angesichts der alarmierenden Nachrichten über die Gefährdung von Kulturgut in Afghanistan erhebliche Mittel zur Rettung von Kulturdenkmälern zur Verfügung gestellt hat. Es geht um die Instandsetzung des im 16. Jahrhundert angelegten Babur-Parks in Kabul und verschiedene Pilotprojekte, die dank dieser Mittel mit Hilfe von Experten von ICOMOS durchgeführt werden können.
Angesichts der zum Teil desolaten Lage unserer Denkmäler und historischen Stätten in vielen Teilen der Welt kann ich als Präsident von ICOMOS nur hoffen, daß viele diesem guten Beispiel folgen und daß auch die Botschaft unseres neuen Heritage at Risk-Reports als ein dringender Appell an die Öffentlichkeit verstanden wird, sich in Zukunft mehr als bisher für die Rettung des bedrohten Kulturerbes einzusetzen.
Prof. Dr. Michael Petzet
Heritage @ Risk / ICOMOS World Report 2001/2002 on Monuments and Sites in Danger,
erschienen im K.G. Saur Verlag München (260 Seiten, ca. 280 Abbildungen), EUR 54,-
auch abrufbar unter www.international.icomos.org/risk/risk2001.htm
