Ad-hoc-Arbeitsgruppe Migration und Erbe


Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel: Städte und ihr kulturelles Erbe – Orte der Integration?

Podiumsdiskussion auf Initiative der Deutschen Stiftung Denkmalschutz am 4. November in Bonn anlässlich der Ausstellungseröffnung „Fremde Impulse – Baudenkmale im Ruhrgebiet“.

Lesen Sie dazu den Bericht von Barbara Seifen: http://www.lwl.org/LWL/Kultur/fremde-impulse/die_ausstellung/


Migration und Erbe: Polen im Ruhrgebiet

Workshop der ad-hoc-AG „Initiativkreis Charta von Venedig“, 30./31. Oktober 2015
Bochum-Langendreer, Evangelisches Gemeindehaus Wittenbergstr. 11, 44892 Bochum-Langendreer
Freitag, 30.10.2015, 13-18 Uhr
Samstag, 31.10.2015, 10.00 Uhr Rundgang in Bochum

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Teilnehmer
Dr. Jacek Barski, Porta Polonica. Dokumentationsstelle zur Kultur und Geschichte der Polen in Deutschland, Geschäftsführer
Prof. Dr. Sigrid Brandt, ICOMOS Deutschland, Generalsekretärin
Emanuela Danielewicz, 1. Vorsitzende der Künstlerinitiative Kosmopolen
Dr. Hans H. Hanke, LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen, Inventarisation
Karsten Höser, Stadtteilmanager Bochum-Langendreer
Dr. Hanns Michael Küpper, ICOMOS Deutschland, Architekt und Denkmalpfleger
Dietmar Osses, LWL-Industriemuseum, Zeche Hannover, Museumsleiter
Dipl.-Ing. Saskia Schöfer, LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen, Praktische Denkmalpflege
Dipl.-Ing. Christoph Schwarzkopf, ICOMOS Deutschland, Kulturbehörde Hamburg
Dr.-Ing. Barbara Seifen, ICOMOS Deutschland, Vorsitzende des Fachausschusses Kulturerbe im Deutschen Kulturrat, Rat für Baukultur und Denkmalkultur
Dr. Katharina Steudtner, ICOMOS Deutschland
Ewa Wojciechowska M. A., Zeppelin Museum Friedrichshafen, Assistentin der Geschäftsführung

Sigrid Brandt stellte die Arbeitsgruppe Charta von Venedig von ICOMOS Deutschland als eine von fünf Arbeitsgruppen und deren bisherige Aktivitäten vor; das Thema Migration und Erbe aus denkmalpflegerischer Sicht soll in den kommenden drei Jahren als aktuelles Thema aufgegriffen werden. Aus dem Kreis der Migranten kommt polnischen Einwanderern eine besondere Rolle und Bedeutung zu, sie sind die zweitgrößte Migrantengruppe nach der türkischen, mit ihnen kam in den vergangenen Jahren die größte Zahl der Einwanderer nach Deutschland. In Bochum lassen sich Fragen der Historisierung und Musealisierung des Themas Migration und entsprechende denkmalpflegerische Themen dank der Initiative anlässlich der Ruhr-2010 „Fremde Impulse“ anschaulich diskutieren.

Jacek Barski betonte in seinem Beitrag den Stellenwert der Dokumentationsstelle: Eine Geschichte der Polen in Deutschland sei noch nicht geschrieben. Die Einrichtung des Portals geht auf eine Initiative anlässlich des 20. Jahrestages des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrages 2011 zurück, das Projekt wird seit 2014 durch die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM) institutionell gefördert. Prinzipiell folgt es dem Konzept der „Lieux de mémoire“ von Pierre Nora und der „Deutschen Erinnerungsorte“ von Étienne François und Hagen Schulze, greift aber in seinem Anspruch weit darüber hinaus. Es zielt als Internetportal auf Interaktion und Partizipation.
Gestartet ist es mit dem Aufbau eines Atlas' der Erinnerungsorte, in dem konkrete Orte und Räume, gegliedert nach Epochen, aufrufbar sind und mit Kartenausschnitten, Beiträgen und Fotos beschrieben werden.

Dietmar Osses, der neben seiner Museumsleitung Mitglied im Arbeitskreis Migration im Deutschen Museumsbund und als solcher Mitherausgeber des im Februar 2015 erschienenen „Museen, Migration und kulturelle Vielfalt. Handreichungen für die Museumsarbeit“ ist, gab in Stichworten eine Vorstellung von der Schwierigkeit, Polen im Ruhrgebiet anhand von verlässlichen Zahlen zu fassen; eine homogene Gruppe von Einwanderern ist im Verlauf der betrachteten Zeit der „Porta Polonica“ vom Ausgang des 18. Jahrhunderts bis heute weder zu erwarten noch beschreibbar. Mit dem Buch von Peter Oliver Loew „Wir Unsichtbaren. Geschichte der Polen in Deutschland“ sei darüber hinaus auf ein Selbstverständnis der Polen verwiesen, das von vielen geteilt wird. Erinnerungsorte, d.h. materielle, räumliche, künstlerische und historische Zeugnisse dieser deutsch-polnischen Geschichte zu benennen, heißt daher vielfach, sie dem Vergessen zu entreißen und überhaupt als solche zu erkennen und sichtbar zu machen.

Hans H. Hanke und Barbara Seifen zeigten mit ihrer Vorstellung von Ausschnitten des Projektes „Fremde Impulse“ verschiedene Wege, den Blick auf denkmalwerte Zeugen der polnisch-deutschen Geschichte in Deutschland zu lenken, und die Anstrengungen, die nötig sind, um Geschichtsschreibung, Museumsarbeit und Denkmalpflege mit dem Ziel einer Migrationsgeschichte lohnend zusammenzubringen. Der Straßenzug am Kortländer, „ein kleiner polnischer Stadtteil am Rande der Altstadt von Bochum“ (D. Osses), zeigt die Möglichkeiten: das Haus Nr. 6, dem Denkmalpfleger wegen seiner stark veränderten und banalisierten Fassade nicht sofort als erhaltenswert zugänglich, erhält im Ensemble der umstehenden Bauten und der sich dort manifestierenden Geschichte eines Zentrums polnischer Einwanderung im ausgehenden 19. Jahrhundert augenblicklich einen anderen Stellenwert. Auch das Lager für „displaced persons“, das Anfang der fünfziger Jahre für Polen errichtet wurde, könnte vor dem Hintergrund der Migrationsgeschichte an denkmalbegründender Argumentation gewinnen – weit über seine schlichte, mehrfach anzutreffende Architektur hinaus.

Emanuela Danielewicz, die schon 2008 mit anderen Künstlern die Gruppe Kosmopolen gründete und den internationalen Kunst- und Kulturaustausch u. a. auch um den Deutsch-Polnischen Zusammenhang bereichert, unterstrich die ausschließlich symbolische Bedeutung des Straßenzuges Am Kortländer. Der Name ihrer Künstlerinitiative kommt aus der Exil-Literatur und lässt viele Interpretationen sowie Zusammenhänge zu, nicht nur deutsch-polnische. Von den Ruhrpolen zu den Kosmopolen (Titel eines Vortrages von Dietmar Osses/LWL), vom Polnischen zum Deutschen und darüber hinaus, in Auseinandersetzung mit Fragen nach Nationalitäten und in der Zeit einer erwachenden, hoffentlich neuen europäischen Identität sowie Selbstdefinition, auf einem „dritten Weg“ für alle, die eine Mehrländererfahrung und keine eindeutige Home-Definition haben und mit Neuem, Fremdem leichter umgehen können.

Christoph Schwarzkopf hat die Anregungen der „Fremden Impulse“, des bisher einzigen denkmalpflegerischen Projektes im Sinne einer weit ausgreifenden Migrationsgeschichte, ganz wörtlich aufgenommen und mit Studenten der Architektur an der Hochschule Karlsruhe nach fremden Impulsen in der Baugeschichte der Stadt gesucht. Das, was auf diesem Weg im Sinne der eingangs zitierten Zuckmayerschen „Völkermühle Europas“ zutage gefördert und sichtbar gemacht wurde, stellte er zur Diskussion. Der Unterschied zu Bochumer Fragen des Kortländer traten augenblicklich zutage: hier die Hochkultur der städtebaulichen und architektonischen Entwicklung nach der barocken Stadtgründung, dort die entstellend veränderten baulichen Zeugen des späten 19. Jahrhunderts, deren Denkmalwert nicht an ihrem architektonischen Wert festgemacht werden kann. Diskutiert wurde nicht nur hier, ob der Denkmalbegriff, der in den staatlichen Denkmalämtern angewendet wird, ausreichend ist. Dem kann entgegengehalten werden, dass sämtliche Denkmalschutzgesetze den Denkmalwert grundsätzlich auf zwei Werte gründen: den historischen und den künstlerischen. Das Instrumentarium ist also vorhanden, was fehlt, ist der Blick.

Karsten Höser gab im Zug der nur knapp gehaltenen Diskussion um aktuelle Fragen der Flüchtlinge einen Einblick in die Situation seines Stadtteils. Für Ankommende wurde beispielsweise ein Stadtplan als Faltblatt aufgelegt, in dem die wichtigsten öffentlichen Einrichtungen und Anlaufpunkte verzeichnet sind.

Hanns Michael Küpper dachte abschließend unter dem Titel „Orte der Migration – Palimpseste der Hoffnung“ über den Charakter von Migration als „anthropologische Konstante“ nach. Migrationsprozesse sind kein Phänomen der modernen Industrie und postindustriellen Gesellschaften, im Gegenteil: Wanderung als Suchbewegung kennzeichnet menschliche Gesellschaften grundsätzlich, gewissermaßen intrinsisch, der Mensch erscheint als homo migrans.

Stadtrundgang Bochum, Samstag, 31. Oktober
Programm: Hans H. Hanke und Barbara Seifen

St. Joseph-Kirche, heute Kirche der Polnischen Gemeinde Bochum
Platz des europäischen Versprechens, Christuskirche Bochum
Am Kortländer
Redemptoristen-Kloster
Kunstmuseum Bochum, Führung: Sepp Hiekisch-Picard, stellv. Direktor
Industriemuseum Zeche Hannover, Führung Dietmar Osses

Nächstes Treffen: Hamburg 2016

Sigrid Brandt, November 2015


30./31. Oktober 2015, Bochum -- Workshop:
Migration und Erbe: Polen im Ruhrgebiet


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Alt-Bochum Langendreer, Wittenbergstr, Alte Bahnhofstraße (Foto Bochum Pressestelle)


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Bochum, Arbeiterhäuser Am Rübenkamp (Foto LWL-DLBW)

Polnische Staatsbürger zählen nach den türkischen Staatsbürgern zur zweitgrößten Gruppe der Ausländer in Deutschland. Ihre exakte Zahl lässt sich nur schwer angeben, da zwischen polnischem Migrationshintergrund, polnischer Muttersprache und polnischer Staatsbürgerschaft nicht exakt unterschieden werden kann. Geschätzt leben zwei Millionen Menschen mit polnischen Wurzeln, polnischer Sprache und Identität in Deutschland.

Für das zweite Treffen der Arbeitsgruppe von ICOMOS ist ein Workshop in Bochum-Langendreer geplant, um den vielfältigen materiellen Spuren und Zeugnissen der polnischen Einwanderer im 19. Jahrhundert nachzugehen und mit Akteuren vor Ort über das heutige Verhältnis von Polen und Deutschen zu diskutieren. Bochum eignet sich als Ort der Diskussion ganz besonders, war die Stadt doch seit den 1880er Jahren zum Zentrum der organisierten Ruhrpolenbewegung im Deutschen Reich avanciert. Waren es im 19. Jahrhundert Auswanderer, Wanderarbeiter und Gastarbeiter vor allem aus Polen und den Masuren, sind die Gründe, nach Deutschland zu kommen, heute vielfältiger und differenzierter geworden.


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Bochum, St. Marien
(Foto Bochum, Pressestelle)


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Alt-Bochum Langendreer (Foto LWL-DLBW)


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Herne, Masurischer Betsaal (Foto
LWL-DLBW)

Als Zeugnisse der polnischen Migrationskultur des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts stehen seit einiger Zeit konfessionelle Bauten – etwa die Reste des Redemptoristenklosters in der Klosterstraße, Sportanlagen, Vereinslokale und Arbeitsorte, die Zechen selbst, im Zentrum der Aufmerksamkeit auch denkmalpflegerischer Aktivitäten und stehen teilweise unter Denkmalschutz, siehe Internetseite des Projekte "Fremde Impulse – Baudenkmale im Ruhrgebiet" www.fremde-impulse.de. Hier lassen sich Geschichten zwischen Abgrenzung, Assimilation und Sozialisation, solche über die Suche nach Identität oder nach der Rolle der Frauen in diesem Migrationsprozess, nach nationalen und nationalistischen Tendenzen in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg und jüngere Phänomene der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ablesen.

Aber wie sehen die heutigen Akteure vor Ort die Denkmale dieser Zeit, welche Orte, Räume oder Plätze sind für ihr Selbstverständnis wichtig geworden, an welchen Bauten oder städtischen Punkten findet die deutsch-polnische Begegnung tatsächlich statt? Wie lassen sich der Wunsch und die Sehnsucht nach „Verortung“ mit dem Phänomen denkbar größter Mobilität zusammenbringen? Ist diese vielbeschworene Mobilität möglicherweise auch eine Frage des Lebensalters und ephemere Orte dieser Mobilität notwendigerweise eingeschrieben?

Vor dem Hintergrund des 25jährigen Bestehens des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages vom Juni 1991 und der Europäischen Kulturhauptstadt Breslau im kommenden Jahr wollen wir diese Fragen diskutieren mit Jacek Barski, Leiter der Dokumentationsstelle Porta Polonica in Bochum www.porta-polonica.de, Dietmar Osses, Leiter der Zeche Hannover des LWL-Industriemuseums, Bartek Fujak, Volontär am LWL-Industriemuseum Zeche Hannover, Emanuela Danielewicz, Vorstandsvorsitzende von www.kosmopolen.de (2008 gegründeter Verband "um eine andere, freie Stimme einer gemeinsamen Deutsch - Polnischen Kulturarbeit in die Wege zu leiten, ..."), Karsten Höser, Stadtteil-Manager von Bochum-Langendreer, Hans H. Hanke (Inventarisation) und Saskia Schöfer(Praktische Denkmalpflege) LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur sowie Gabi Dolff-Bonekämper, TU Berlin.

Wir bitten um Ihre Anmeldung unter icomos@icomos.de.

Genauere Informationen zur Veranstaltung finden Sie auch in der angehängten Datei.


4. Treffen der Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Initiativkreis Charta von Venedig“ von ICOMOS Deutschland

Termin: 14. März 2015. Zeit: 10.00 Uhr – 16.00 Uhr
Ort: TU Berlin, Institut für Stadt- und Regionalplanung, B- Gebäude,
Hardenbergstraße 40a, Raum 117, 10623 Berlin (U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz)

Auf dem 4. Treffen der Ad-hoc-Gruppe „Initiativkreis Charta von Venedig“ möchten wir die Aktivitäten der Gruppe in den letzten drei Jahren Revue passieren lassen und die Ergebnisse kritisch zusammenfassen. Dies betrifft sowohl die Bearbeitung der inhaltlichen Fragen – Migration und Erbe und die Charta von Venedig – als auch die bisher gepflegten Formen der Organisation, des Austauschs und der Kommunikation.

In einem zweiten Teil soll debattiert werden, wie sich das Fach Denkmalpflege in die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Thema Migration und Integration stärker einbringen kann. Um deutlicher als bisher diese Fragen zu diskutieren, ist die Initiative zu einer neuen Arbeitsgruppe von ICOMOS Deutschland mit dem (Arbeits-)Titel „Migration als Erbe“ vorstellbar. Sie soll wie bisher den gedanklichen Austausch und die Zusammenarbeit mit bereits bestehenden, vergleichbaren Initiativen suchen.   mehr

Hochgeladene BilddateiŞehitlik-Moschee in Berlin, 2012
(Foto: www.wikipedia.org, Avda)

 


Zu dieser Arbeitsgruppe, ihren Zielen und Aktivitäten sind in Heft 2/2014 der Zeitschrift Die Denkmalpflege zwei Aufsätze erschienen:

- Sigrid Brandt: "Initiativkreis Charta von Venedig"

- Ulrich Kerkhoff: "EN 15898 oder Charta von Venedig? Gedankensplitter aus einem Gespräch in Karlsruhe (20./21. Juni 2014)"



Tagung "50 Jahre Charta von Venedig", Wien, 2.-4. Oktober 2014

Das Programm der Veranstaltung (siehe auch Archiv ICOMOS-Veranstaltungen), die eine Kooperation des Arbeitskreises Theorie und Lehre der Denkmalpflege, des Bundesdenkmalamts Wien und der deutschsprachigen Nationalkomitees von ICOMOS war, finden Sie hier.

Impressionen zur Tagung finden Sie über folgenden Link: http://www.bda.at/text/136/Aktuell/19822/50-Jahre-Charta-von-Venedig-Geschichte-Rezeption-Perspektiven

 


Bericht zum 3. Treffen der Ad-hoc-Arbeitsgruppe Initiativkreis Charta von Venedig am 20./21. Juni 2014 in Karlsruhe

Am 20. und 21. Juni 2014 trafen sich auf Einladung des Studiengangs Architektur der Hochschule für Technik und Wirtschaft Karlsruhe, Prof. Florian Burgstaller und Dipl.-Ing. Christoph Schwarzkopf, Mitglieder des Initiativkreises Charta von Venedig und Interessenten um die Prinzipien dieses Grundsatzpapiers im Verhältnis zur denkmalpflegerischen Praxis zu diskutieren – aus dem Blickwinkel von Restauratoren, Architekten und Vertretern aus Denkmalbehörden.

Hochgeladene Bilddatei Am Freitag standen Kurzbeiträge im Zentrum der Gespräche. Dörthe Jakobs (Stuttgart) resümierte die Entwicklung der Restaurierungspraxis in Deutschland, insbesondere in Westdeutschland, in Bezug zu italienischen Restaurierungstheorien der Nachkriegsjahrzehnte, insbesondere denen von Caesare Brandi (vgl. Cesare Brandi: Theorie der Restaurierung, ICOMOS-Hefte des Deutschen Nationalkomitees XLI, München 2006). Er hatte seit dem Ende der 30er Jahre Grundsätze formuliert, von denen nur ein kleiner Teil in die Charta von Venedig 1964 einging, die die italienische Restaurierungspraxis jedoch – mit dem Prinzip des Tratteggio – über Jahrzehnte bestimmten.

Wanja Wedekind (Göttingen) stellte in seinem Beitrag, gemeinsam mit York Rieffel (Berlin) verfasst, zyklisch wiederkehrende Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen an Denkmalen dem Konzept einer kontinuierlichen Wartung und Pflege von Denkmalen gegenüber. Aufwendige Restaurierungen können gerade dann, wenn die finanziellen Mittel zunehmend geringer veranschlagt werden, mit eben diesem Argument zugunsten dauernder Wartung und Pflege vermieden werden. Was Denkmalpflegern grundsätzlich sofort einleuchtet und historischen Werken prinzipiell zugutekommt, unterlegte Wanja Wedekind mit präzisen Zahlen. Das Zahlenwerk dürfte auch jeden Kämmerer überzeugen und ist ein denkmalökonomisches Argument gegen die Konzentration auf wenige herausragende Leuchtturmprojekte bei gleichzeitiger Vernachlässigung des breiten kulturellen Erbes.

Sigrid Brandt (Salzburg) nahm die jüngste Eröffnung der "reparierten" Siedlung der Bauhaus-Meisterhäuser in Dessau zum Anlass, um Rezeptionsstränge der Charta kritisch zu reflektieren. Schönheit und Integrität, Strichel-Retusche, Reparatur: die jüngst herausgegebene Publikation zu dieser Dessauer Reparatur betont diese Begriffe und zielt damit weniger auf die Akzentuierung des Bruches zwischen Alt und Neu und die kontrastierende Herausarbeitung von Zeitschichten in der denkmalpflegerischen Praxis. Das Denkmal als Ganzheit rückt in den Mittelpunkt, aber auch Restaurierungs- und Konservierungsmaßnahmen selber werden am Denkmal ablesbar, mit Respekt vor der Integrität und Harmonie des Denkmals, vor der "Ausgewogenheit seiner Komposition und [vor dem] Verhältnis zur Umgebung." (Art. 13 der Charta von Venedig).

Andrea Hampel (Frankfurt am Main) zeigte am Beispiel der kommunalen Denkmalbehörde, genauer der Großstadtdenkmalpflege, was passiert, wenn denkmalpflegerische Leitsätze auf den Alltag der Denkmalpraxis treffen. Die nüchternen Zahlen – beantragte und umgesetzte Bauvolumina pro Jahr, hoher Investitionsdruck vor dem Hintergrund eines explodierenden Immobilienmarktes – die Realität ausgesprochen streitlustiger Investoren und gewiefter Anwälte (denen sich das Denkmalamt erfolgreich mit Musterprozessen stellt) und dazu ein im Vergleich zu den anstehenden Aufgaben kleines Denkmalamt: Was im ersten Moment völlige Theorieferne vermuten lässt, erweist sich bei näherem Hinsehen als eine Art praktisch angewandter Denkmaltheorie. Stadtteilarchitekten, die das Vertrauen der Stadtkonservatoren genießen, sorgen für die Verbreitung und Umsetzung denkmalpflegerischer Grundsätze, von denen das Erhaltungsanliegen nach wie vor der wichtigste ist. Und die Charta von Venedig wirkt hilfreich bei der Durchsetzung denkmalpflegerischer Interessen, nicht zuletzt aufgrund ihrer heute allgemeinen Verbreitung und Anerkennung als konservatorisches Grundsatzpapier. Im Fall der Großmarkthalle von Martin Elsässer wurde ein Weg gefunden werden, der den Bau grundsätzlich erhält und gleichzeitig als Sitz für die Europäische Zentralbank in "Mainhattan" nutzbar macht, eine Lösung, die bei allen Nachteilen einem Totalverlust durch Verfall oder Abriss vorzuziehen ist.

Christoph Schwarzkopf (Karlsruhe/Hamburg) begab sich auf die Suche nach dem Niederschlag, den die Charta von Venedig im Hamburgischen Denkmalschutzgesetz (in der Fassung vom November 2007) gefunden hat - und förderte bemerkenswerte "Funde" zutage, werde der Nutzen und Nachteil der Charta doch insbesondere im Fehlen ihrer juristischen Fixierung gesehen. Im Unterschied zu völkerrechtlich verbindlichen Vereinbarungen wie der Haager Konvention oder der Welterbekonvention beziehe die ICOMOS-Charta von Venedig ihre große Wirkung aus ihrem ethischen Anspruch und fachlichen Autorität. Im Hamburger Denkmalschutzgesetz lassen sich – so der Referent – jedoch bis in die Formulierungen hinein Einflüsse des ICOMOS-Grundsatzpapiers von 1964 finden, erwartungsgemäß aber nicht zu Fragen, die über den Erhaltungsauftrag im verwaltungsrechtlichen Sinn – etwa Fragen der Restaurierung oder der Rekonstruktion – hinausgehen.

Hanns-Michael Küpper (München) ging vor dem Hintergrund des europäischen Normierungswollens der "EN 15898" (Vgl. dazu: DIN Deutsches Institut für Normung e. V. (Hrsg.): DIN EN 15898, Dezember 2011. Erhaltung des kulturellen Erbes – Allgemeine Begriffe; Deutsche Fassung EN 15898: 2011, Berlin Beuth Verlag GmbH 2011, 25 S.) semantischen Fragen denkmalpflegerischer Begriffe nach und machte u. a. Bezeichnetes (signifié) und Bezeichnendes (signifiant) im Sinne des Zeichenmodells Ferdinand de Saussures im Deutschen, Englischen, Französischen, Italienischen und Griechischen anschaulich. Pflegen, sanieren, reparieren, weiterbauen, umbauen, anbauen, Wiederherstellung, Anverwandlung, Rekonstruktion – die Analyse zeigte einmal mehr, dass sich die Auseinandersetzung um denkmalpflegerische Richtungen und Wege nicht zuletzt auch auf sprachlicher Ebene vollzieht und die kritische Reflexion des Gebrauchs der Begriffe unumgänglich bleibt.

Der Stadtrundgang am darauffolgenden Samstag, unter sachkundiger Führung von Ute Fahrbach-Dreher und Christoph Schwarzkopf, galt nicht nur den letzten Zeugnissen der barocken Idealstadt Karlsruhe aus dem 18. Jahrhunderts , sondern auch den Wiederaufbauleistungen nach dem Zweiten Weltkrieg und der jüngsten Architektur an der Via triumphalis Friedrich Weinbrenners. Das Veranstaltungsformat der offenen Arbeitsgespräche im kleinen Kreis, in dem kurze Beiträge zur gemeinschaftlichen Diskussion gestellt werden, kam gut an und könnte - so der Wunsch – in unregelmäßigen Regionaltreffen bzw. ICOMOS-Workshops dieser Art fortgesetzt werden.



3. Treffen/Workshop der Ad-hoc-Arbeitsgruppe "Initiativkreis Charta von Venedig"

Das dritte Treffen des Initiativkreises Charta von Venedig findet am 20./21. Juni 2014 in Karlsruhe an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Karlsruhe, Fakultät Architektur und Bauwesen, Studiengang Architektur, statt. Ziel der Gespräche ist die Diskussion besonders der denkmalpflegerischen Praxis in verschiedenen Bereichen wie Baudenkmalpflege, Gartenkunst, Restaurierung/Konservierung in ihrem Bezug zur Charta von Venedig. Welchen Stellenwert können die Grundsatzpapiere, auch die der Charta von Venedig nachfolgenden, in der alltäglichen Praxis vor Ort beanspruchen, wie wichtig und hilfreich sind sie in der Argumentation der Beteiligten. In Kurzvorstellungen sollen Beispiele aus der heutigen Arbeit, aber auch solche aus der Geschichte des Faches als Ausgangspunkt der Gespräche dienen.
Informationen zum Programm finden Sie hier.



2. Treffen der Ad-hoc-Arbeitsgruppe "Initiativkreis Charta von Venedig"

Am 6. September 2013 fand in Berlin das zweite Treffen der Ad-hoc-Arbeitsgruppe "Initiativkreis Charta von Venedig" statt. Es diente der weiteren Vorbereitung der geplanten Tagung im kommenden Herbst und der Diskussion vorbereiteter Referate zum Thema. Die Tagung mit dem Arbeitstitel "50 Jahre Charta von Venedig – vom Nutzen und Nachteil internationaler Grundsatzpapiere für die Denkmalpflegepraxis" wird als eine Gemeinschaftsproduktion des Arbeitskreises für Theorie und Lehre der Denkmalpflege (AKThLD) auf Einladung des österreichischen Bundesdenkmalamtes (BDA) in Kooperation mit den deutschsprachigen Nationalkomitees von ICOMOS Anfang Oktober 2014 in Wien stattfinden. Die Fachtagung soll in flexiblen Vortrags- und Diskussionsformaten verschiedene Fragen thematisieren, so unter anderem die Entstehungsgeschichte der Charta und deren europäischen Kontext des zweiten Nachkriegsjahrzehnts beleuchten, den Folgeempfehlungen nachgehen, emblematische Konservierungs- und Restaurierungsbeispiele zur Diskus¬sion stellen sowie Rezeptionslinien der Charta und ihr nachfolgender Grundsatzpapiere in der Denkmalliteratur und in programmatischen Texten aufzeigen.

Der zweite Teil des Treffens deutete Fehlstellen der bisher nachgezeichneten Traditionslinien der Charta von Venedig an, die üblicherweise unmittelbar mit der Vorgänger-Charta von Athen 1931 in Verbindung gebracht wird. Dass hier erheblicher Forschungsbedarf besteht, zeigte Kerstin Stamm in ihrem Beitrag über die Ausstellung, die 1964 anlässlich des 2. Internationalen Kongresses der Architekten und Techniker in der Denkmalpflege stattfand. Jan Raue stellte seine Sicht auf die Restaurierung des Neuen Museums in Berlin dar und provozierte Diskussionen über die Berechtigung und Hintergründe der positiven Resonanz, die der Architekt der Wiederherstellung des Museums erfahren hat. Christoph Schwarzkopfs Beitrag zur Umnutzung einer Hamburger Kirche in eine Moschee stellt einen ausgesprochenen Sonderfall dar, sind doch in der Bundesrepublik die großen christlichen Konfessionen in aller Regel nicht bereit, ihre Gotteshäuser nicht-christlichen Religionsgemeinschaften zu überlassen. Diese "praktische Transkulturalität" verdeutlichte schlaglichtartig die Schwierigkeiten von "Integration und Erbe", wie sie das DNK und ICOMOS in den kommenden Monaten gemeinsam diskutieren wollen.

Ein nächstes Treffen der Ad-hoc-Arbeitsgruppe ist für die erste Jahreshälfte 2014 geplant.

Sigrid Brandt



Initiativkreis Charta von Venedig 2014

Anlass zur Einrichtung dieser AG ist das bevorstehende Jubiläum 50 Jahre Charta von Venedig (1964)
Ausführlicheres siehe hier sowie den Entwurf einer Geschäftsordnung

Ansprechpartner: Prof. Dr. Sigrid Brandt, Universität Salzburg, Abteilung Kunstgeschichte, Tel. +43-662-8044-4608, sigrid.brandt@sbg.ac.at

Nachdem auf der Mitgliederversammlung im vergangenen November die Bildung der Arbeitsgruppe angenommen wurde, fand im Februar 2013 das erste Treffen statt. Auf dem Programm standen die Beteiligung am geplanten Expertengespräch des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz im Oktober 2013 mit dem Titel "Integration und Erbe", die Vorbereitung der Tagung "50 Jahre Charta von Venedig" für das kommende Jahr und Fragen des Selbstverständnisses von ICOMOS Deutschland. Die Frage nach der Vielfalt des Erbes in Deutschland war Ausgangspunkt der Diskussion, die einerseits das Erben als Aneignungsprozess und andererseits die Erben als Subjekt desselben thematisierte. Wie gehen wir heute mit den Schlüsselbegriffen der modernen Denkmalpflege um – Ort, Heimat, Ansässigkeit, Nation, Herkunft, Rezeption von Denkmalobjekten?

Das 50jährige Jubiläum der Charta von Venedig soll in einer Tagung 2014 zum Anlass genommen werden, die Magna Charta unseres Faches als historisches Dokument zu beleuchten, ihre Rezeption in den nachfolgenden Jahrzehnten nachzuzeichnen und ihren Gegenwartswert zu diskutieren. Das "Gründungsdokument" von ICOMOS ist dabei genauso von Interesse wie die Frage nach seiner Relevanz für die Praxis der Denkmalpflege und Denkmalrestaurierung und die Bezugnahme auf vorhergehende und spätere internationale Grundsatzerklärungen – etwa die ICOMOS-Dokumente von Florenz, Washington, Lausanne, Burra und Nara oder von der UN, der UNESCO und EU verabschiedete Grundsatzpapiere (Welterbekonvention, Konvention von Faro etc.).

Ein nächstes Treffen der für alle Interessierten offenen Arbeitsgruppe – auch Kolleginnen und Kollegen aus den Denkmalbehörden sind willkommen – ist für die zweite Jahreshälfte 2013 geplant. Über den Termin wird die Geschäftsstelle rechtzeitig informieren, über inhaltliche Vorschläge freuen wir uns.