Charta von Venedig

Tagung "50 Jahre Charta von Venedig", Wien, 2.-4. Oktober 2014

Das Programm der Veranstaltung (siehe auch Archiv ICOMOS-Veranstaltungen), die eine Kooperation des Arbeitskreises Theorie und Lehre der Denkmalpflege, des Bundesdenkmalamts Wien und der deutschsprachigen Nationalkomitees von ICOMOS war, finden Sie hier.

Impressionen zur Tagung finden Sie über folgenden Link: http://www.bda.at/text/136/Aktuell/19822/50-Jahre-Charta-von-Venedig-Geschichte-Rezeption-Perspektiven

 


Bericht zum 3. Treffen der Ad-hoc-Arbeitsgruppe Initiativkreis Charta von Venedig am 20./21. Juni 2014 in Karlsruhe

Am 20. und 21. Juni 2014 trafen sich auf Einladung des Studiengangs Architektur der Hochschule für Technik und Wirtschaft Karlsruhe, Prof. Florian Burgstaller und Dipl.-Ing. Christoph Schwarzkopf, Mitglieder des Initiativkreises Charta von Venedig und Interessenten um die Prinzipien dieses Grundsatzpapiers im Verhältnis zur denkmalpflegerischen Praxis zu diskutieren – aus dem Blickwinkel von Restauratoren, Architekten und Vertretern aus Denkmalbehörden.

Hochgeladene Bilddatei Am Freitag standen Kurzbeiträge im Zentrum der Gespräche. Dörthe Jakobs (Stuttgart) resümierte die Entwicklung der Restaurierungspraxis in Deutschland, insbesondere in Westdeutschland, in Bezug zu italienischen Restaurierungstheorien der Nachkriegsjahrzehnte, insbesondere denen von Caesare Brandi (vgl. Cesare Brandi: Theorie der Restaurierung, ICOMOS-Hefte des Deutschen Nationalkomitees XLI, München 2006). Er hatte seit dem Ende der 30er Jahre Grundsätze formuliert, von denen nur ein kleiner Teil in die Charta von Venedig 1964 einging, die die italienische Restaurierungspraxis jedoch – mit dem Prinzip des Tratteggio – über Jahrzehnte bestimmten.

Wanja Wedekind (Göttingen) stellte in seinem Beitrag, gemeinsam mit York Rieffel (Berlin) verfasst, zyklisch wiederkehrende Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen an Denkmalen dem Konzept einer kontinuierlichen Wartung und Pflege von Denkmalen gegenüber. Aufwendige Restaurierungen können gerade dann, wenn die finanziellen Mittel zunehmend geringer veranschlagt werden, mit eben diesem Argument zugunsten dauernder Wartung und Pflege vermieden werden. Was Denkmalpflegern grundsätzlich sofort einleuchtet und historischen Werken prinzipiell zugutekommt, unterlegte Wanja Wedekind mit präzisen Zahlen. Das Zahlenwerk dürfte auch jeden Kämmerer überzeugen und ist ein denkmalökonomisches Argument gegen die Konzentration auf wenige herausragende Leuchtturmprojekte bei gleichzeitiger Vernachlässigung des breiten kulturellen Erbes.

Sigrid Brandt (Salzburg) nahm die jüngste Eröffnung der "reparierten" Siedlung der Bauhaus-Meisterhäuser in Dessau zum Anlass, um Rezeptionsstränge der Charta kritisch zu reflektieren. Schönheit und Integrität, Strichel-Retusche, Reparatur: die jüngst herausgegebene Publikation zu dieser Dessauer Reparatur betont diese Begriffe und zielt damit weniger auf die Akzentuierung des Bruches zwischen Alt und Neu und die kontrastierende Herausarbeitung von Zeitschichten in der denkmalpflegerischen Praxis. Das Denkmal als Ganzheit rückt in den Mittelpunkt, aber auch Restaurierungs- und Konservierungsmaßnahmen selber werden am Denkmal ablesbar, mit Respekt vor der Integrität und Harmonie des Denkmals, vor der "Ausgewogenheit seiner Komposition und [vor dem] Verhältnis zur Umgebung." (Art. 13 der Charta von Venedig).

Andrea Hampel (Frankfurt am Main) zeigte am Beispiel der kommunalen Denkmalbehörde, genauer der Großstadtdenkmalpflege, was passiert, wenn denkmalpflegerische Leitsätze auf den Alltag der Denkmalpraxis treffen. Die nüchternen Zahlen – beantragte und umgesetzte Bauvolumina pro Jahr, hoher Investitionsdruck vor dem Hintergrund eines explodierenden Immobilienmarktes – die Realität ausgesprochen streitlustiger Investoren und gewiefter Anwälte (denen sich das Denkmalamt erfolgreich mit Musterprozessen stellt) und dazu ein im Vergleich zu den anstehenden Aufgaben kleines Denkmalamt: Was im ersten Moment völlige Theorieferne vermuten lässt, erweist sich bei näherem Hinsehen als eine Art praktisch angewandter Denkmaltheorie. Stadtteilarchitekten, die das Vertrauen der Stadtkonservatoren genießen, sorgen für die Verbreitung und Umsetzung denkmalpflegerischer Grundsätze, von denen das Erhaltungsanliegen nach wie vor der wichtigste ist. Und die Charta von Venedig wirkt hilfreich bei der Durchsetzung denkmalpflegerischer Interessen, nicht zuletzt aufgrund ihrer heute allgemeinen Verbreitung und Anerkennung als konservatorisches Grundsatzpapier. Im Fall der Großmarkthalle von Martin Elsässer wurde ein Weg gefunden werden, der den Bau grundsätzlich erhält und gleichzeitig als Sitz für die Europäische Zentralbank in "Mainhattan" nutzbar macht, eine Lösung, die bei allen Nachteilen einem Totalverlust durch Verfall oder Abriss vorzuziehen ist.

Christoph Schwarzkopf (Karlsruhe/Hamburg) begab sich auf die Suche nach dem Niederschlag, den die Charta von Venedig im Hamburgischen Denkmalschutzgesetz (in der Fassung vom November 2007) gefunden hat - und förderte bemerkenswerte "Funde" zutage, werde der Nutzen und Nachteil der Charta doch insbesondere im Fehlen ihrer juristischen Fixierung gesehen. Im Unterschied zu völkerrechtlich verbindlichen Vereinbarungen wie der Haager Konvention oder der Welterbekonvention beziehe die ICOMOS-Charta von Venedig ihre große Wirkung aus ihrem ethischen Anspruch und fachlichen Autorität. Im Hamburger Denkmalschutzgesetz lassen sich – so der Referent – jedoch bis in die Formulierungen hinein Einflüsse des ICOMOS-Grundsatzpapiers von 1964 finden, erwartungsgemäß aber nicht zu Fragen, die über den Erhaltungsauftrag im verwaltungsrechtlichen Sinn – etwa Fragen der Restaurierung oder der Rekonstruktion – hinausgehen.

Hanns-Michael Küpper (München) ging vor dem Hintergrund des europäischen Normierungswollens der "EN 15898" (Vgl. dazu: DIN Deutsches Institut für Normung e. V. (Hrsg.): DIN EN 15898, Dezember 2011. Erhaltung des kulturellen Erbes – Allgemeine Begriffe; Deutsche Fassung EN 15898: 2011, Berlin Beuth Verlag GmbH 2011, 25 S.) semantischen Fragen denkmalpflegerischer Begriffe nach und machte u. a. Bezeichnetes (signifié) und Bezeichnendes (signifiant) im Sinne des Zeichenmodells Ferdinand de Saussures im Deutschen, Englischen, Französischen, Italienischen und Griechischen anschaulich. Pflegen, sanieren, reparieren, weiterbauen, umbauen, anbauen, Wiederherstellung, Anverwandlung, Rekonstruktion – die Analyse zeigte einmal mehr, dass sich die Auseinandersetzung um denkmalpflegerische Richtungen und Wege nicht zuletzt auch auf sprachlicher Ebene vollzieht und die kritische Reflexion des Gebrauchs der Begriffe unumgänglich bleibt.

Der Stadtrundgang am darauffolgenden Samstag, unter sachkundiger Führung von Ute Fahrbach-Dreher und Christoph Schwarzkopf, galt nicht nur den letzten Zeugnissen der barocken Idealstadt Karlsruhe aus dem 18. Jahrhunderts , sondern auch den Wiederaufbauleistungen nach dem Zweiten Weltkrieg und der jüngsten Architektur an der Via triumphalis Friedrich Weinbrenners. Das Veranstaltungsformat der offenen Arbeitsgespräche im kleinen Kreis, in dem kurze Beiträge zur gemeinschaftlichen Diskussion gestellt werden, kam gut an und könnte - so der Wunsch – in unregelmäßigen Regionaltreffen bzw. ICOMOS-Workshops dieser Art fortgesetzt werden.



3. Treffen/Workshop der Ad-hoc-Arbeitsgruppe "Initiativkreis Charta von Venedig"

Das dritte Treffen des Initiativkreises Charta von Venedig findet am 20./21. Juni 2014 in Karlsruhe an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Karlsruhe, Fakultät Architektur und Bauwesen, Studiengang Architektur, statt. Ziel der Gespräche ist die Diskussion besonders der denkmalpflegerischen Praxis in verschiedenen Bereichen wie Baudenkmalpflege, Gartenkunst, Restaurierung/Konservierung in ihrem Bezug zur Charta von Venedig. Welchen Stellenwert können die Grundsatzpapiere, auch die der Charta von Venedig nachfolgenden, in der alltäglichen Praxis vor Ort beanspruchen, wie wichtig und hilfreich sind sie in der Argumentation der Beteiligten. In Kurzvorstellungen sollen Beispiele aus der heutigen Arbeit, aber auch solche aus der Geschichte des Faches als Ausgangspunkt der Gespräche dienen.
Informationen zum Programm finden Sie hier.



2. Treffen der Ad-hoc-Arbeitsgruppe "Initiativkreis Charta von Venedig"

Am 6. September 2013 fand in Berlin das zweite Treffen der Ad-hoc-Arbeitsgruppe "Initiativkreis Charta von Venedig" statt. Es diente der weiteren Vorbereitung der geplanten Tagung im kommenden Herbst und der Diskussion vorbereiteter Referate zum Thema. Die Tagung mit dem Arbeitstitel "50 Jahre Charta von Venedig – vom Nutzen und Nachteil internationaler Grundsatzpapiere für die Denkmalpflegepraxis" wird als eine Gemeinschaftsproduktion des Arbeitskreises für Theorie und Lehre der Denkmalpflege (AKThLD) auf Einladung des österreichischen Bundesdenkmalamtes (BDA) in Kooperation mit den deutschsprachigen Nationalkomitees von ICOMOS Anfang Oktober 2014 in Wien stattfinden. Die Fachtagung soll in flexiblen Vortrags- und Diskussionsformaten verschiedene Fragen thematisieren, so unter anderem die Entstehungsgeschichte der Charta und deren europäischen Kontext des zweiten Nachkriegsjahrzehnts beleuchten, den Folgeempfehlungen nachgehen, emblematische Konservierungs- und Restaurierungsbeispiele zur Diskus¬sion stellen sowie Rezeptionslinien der Charta und ihr nachfolgender Grundsatzpapiere in der Denkmalliteratur und in programmatischen Texten aufzeigen.

Der zweite Teil des Treffens deutete Fehlstellen der bisher nachgezeichneten Traditionslinien der Charta von Venedig an, die üblicherweise unmittelbar mit der Vorgänger-Charta von Athen 1931 in Verbindung gebracht wird. Dass hier erheblicher Forschungsbedarf besteht, zeigte Kerstin Stamm in ihrem Beitrag über die Ausstellung, die 1964 anlässlich des 2. Internationalen Kongresses der Architekten und Techniker in der Denkmalpflege stattfand. Jan Raue stellte seine Sicht auf die Restaurierung des Neuen Museums in Berlin dar und provozierte Diskussionen über die Berechtigung und Hintergründe der positiven Resonanz, die der Architekt der Wiederherstellung des Museums erfahren hat. Christoph Schwarzkopfs Beitrag zur Umnutzung einer Hamburger Kirche in eine Moschee stellt einen ausgesprochenen Sonderfall dar, sind doch in der Bundesrepublik die großen christlichen Konfessionen in aller Regel nicht bereit, ihre Gotteshäuser nicht-christlichen Religionsgemeinschaften zu überlassen. Diese "praktische Transkulturalität" verdeutlichte schlaglichtartig die Schwierigkeiten von "Integration und Erbe", wie sie das DNK und ICOMOS in den kommenden Monaten gemeinsam diskutieren wollen.

Ein nächstes Treffen der Ad-hoc-Arbeitsgruppe ist für die erste Jahreshälfte 2014 geplant.

Sigrid Brandt



Initiativkreis Charta von Venedig 2014

Anlass zur Einrichtung dieser AG ist das bevorstehende Jubiläum 50 Jahre Charta von Venedig (1964)
Ausführlicheres siehe hier sowie den Entwurf einer Geschäftsordnung

Ansprechpartner: Prof. Dr. Sigrid Brandt, Universität Salzburg, Abteilung Kunstgeschichte, Tel. +43-662-8044-4608, sigrid.brandt@sbg.ac.at

Nachdem auf der Mitgliederversammlung im vergangenen November die Bildung der Arbeitsgruppe angenommen wurde, fand im Februar 2013 das erste Treffen statt. Auf dem Programm standen die Beteiligung am geplanten Expertengespräch des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz im Oktober 2013 mit dem Titel "Integration und Erbe", die Vorbereitung der Tagung "50 Jahre Charta von Venedig" für das kommende Jahr und Fragen des Selbstverständnisses von ICOMOS Deutschland. Die Frage nach der Vielfalt des Erbes in Deutschland war Ausgangspunkt der Diskussion, die einerseits das Erben als Aneignungsprozess und andererseits die Erben als Subjekt desselben thematisierte. Wie gehen wir heute mit den Schlüsselbegriffen der modernen Denkmalpflege um – Ort, Heimat, Ansässigkeit, Nation, Herkunft, Rezeption von Denkmalobjekten?

Das 50jährige Jubiläum der Charta von Venedig soll in einer Tagung 2014 zum Anlass genommen werden, die Magna Charta unseres Faches als historisches Dokument zu beleuchten, ihre Rezeption in den nachfolgenden Jahrzehnten nachzuzeichnen und ihren Gegenwartswert zu diskutieren. Das "Gründungsdokument" von ICOMOS ist dabei genauso von Interesse wie die Frage nach seiner Relevanz für die Praxis der Denkmalpflege und Denkmalrestaurierung und die Bezugnahme auf vorhergehende und spätere internationale Grundsatzerklärungen – etwa die ICOMOS-Dokumente von Florenz, Washington, Lausanne, Burra und Nara oder von der UN, der UNESCO und EU verabschiedete Grundsatzpapiere (Welterbekonvention, Konvention von Faro etc.).

Ein nächstes Treffen der für alle Interessierten offenen Arbeitsgruppe – auch Kolleginnen und Kollegen aus den Denkmalbehörden sind willkommen – ist für die zweite Jahreshälfte 2013 geplant. Über den Termin wird die Geschäftsstelle rechtzeitig informieren, über inhaltliche Vorschläge freuen wir uns.