Global Dissonant Modernities - Internationale Konferenz und Emerging Professionals Workshop vom 17. bis 21. August 2026 in Almaty, Kasachstan

Wie lässt sich das architektonische Erbe des 20. Jahrhunderts bewahren, wenn seine Bedeutung unterschiedlich bewertet wird und seine Zukunft vielfach offen ist? Mit dieser und vielen weiteren Fragen beschäftigte sich die int ernationale Konferenz „Global Dissonant Modernities - Designing the Future for 20th-Century Architectural Monuments and Sites“, die vom 17. bis 21. August 2026 in Almaty, Kasachstan, stattfand. Organisiert vom Emerging Professionals Working Group (EPWG) des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS gemeinsam mit Partnern in Kasachstan, brachte die Veranstaltung Fachleute und Emerging Professionals aus unterschiedlichen Teilen der Welt zusammen.

Im Mittelpunkt stand die Auseinandersetzung mit dem architektonischen Erbe des 20. Jahrhunderts und den sehr unterschiedlichen Bedingungen, unter denen dieses heute bewahrt, vermittelt und weiterentwickelt wird. Beiträge aus Ländern von Brasilien bis Singapur eröffneten internationale Perspektiven auf die Frage, welche Werte mit Bauten der Moderne und der Nachkriegszeit verbunden werden, wie mit widersprüchlichen oder belasteten Bedeutungen umgegangen werden kann und welche neuen Ansätze für ihre langfristige Erhaltung erforderlich sind.
Der Begriff der „dissonanten Moderne“ beschreibt dabei nicht nur kontroverse oder belastete Gebäude. Er verweist vielmehr auf die unterschiedlichen Wertzuschreibungen, Erinnerungen und Perspektiven, die mit dem architektonischen Erbe des 20. Jahrhunderts verbunden sind - und damit auf die Frage, wie diese unterschiedlichen Bedeutungen in denkmalpflegerische Prozesse einbezogen werden können. Während einzelne Werke längst Teil des etablierten Kanons der Architekturgeschichte sind, stehen andere Bauten noch am Anfang ihrer Anerkennung als schützenswertes Kulturerbe. Insbesondere in Transformationsgesellschaften stellt sich die Frage, wie mit Gebäuden umgegangen werden kann, die zugleich architektonische, gesellschaftliche und politische Bedeutung tragen.
Ein besonderer Schwerpunkt der Konferenz lag deshalb auf dem Austausch unterschiedlicher regionaler und fachlicher Perspektiven. Dabei wurde deutlich, dass die Herausforderungen des Erhalts von 20.-Jahrhundert-Architektur zwar jeweils spezifische lokale Antworten erfordern, zugleich aber ein großes Potenzial für internationale Zusammenarbeit und gegenseitiges Lernen besteht. Die Veranstaltung brachte dabei auch etablierte Expertinnen und Experten mit jungen und aufstrebenden Fachleuten zusammen und schuf Raum für unterschiedliche Erfahrungen, Methoden und Perspektiven.

Dissonant_Almaty_01

Vom Diskurs zur Praxis
An die Konferenz schloss sich ein mehrtägiger Emerging Professionals Workshop mit 31 Teilnehmenden aus verschiedenen Ländern an. Hier wurde der Schritt von der internationalen Diskussion zur konkreten denkmalpflegerischen Praxis vollzogen. Im Mittelpunkt stand das von Moisei Ginzburg entworfene House of Government, das heute die Academy of Arts in Almaty beherbergt.
Die Arbeit konzentrierte sich auf vier miteinander verbundene Perspektiven: die kulturelle Bedeutung des Gebäudes, den Umgang mit Veränderung und Erhaltung, mögliche Formen der zukünftigen Nutzung und Anpassung sowie die Einbettung des Gebäudes in seinen städtischen Kontext. Gemeinsam analysierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Geschichte, Architektur und gegenwärtige Situation des Gebäudes und entwickelten daraus Ansätze für einen Conservation Management Plan (CMP).
Den Ausgangspunkt bildete die Frage nach den kulturellen Werten und der Bedeutung des Gebäudes. Welche lokalen Werte und historischen Schichten prägen den Ort, und wie lassen sich diese innerhalb internationaler Rahmenwerke wie den World Heritage Guidelines und dem Konzept des Outstanding Universal Value (OUV) beschreiben? Darauf aufbauend richtete sich der Blick auf das Gebäude selbst und die Frage, wie Erhaltung als fortlaufender Prozess gestaltet werden kann. Die Gruppen untersuchten den baulichen Zustand, historische Veränderungen und aktuelle Gefährdungen und diskutierten, welche Veränderungen als Teil der Geschichte des Gebäudes erhalten bleiben sollten und wo Rückführungen oder neue Eingriffe sinnvoll sein könnten. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der zukünftigen Nutzung und möglichen Anpassungen des Gebäudes. Das House of Government wurde ursprünglich als Verwaltungsgebäude errichtet, während es den größten Teil seiner Geschichte als Bildungseinrichtung genutzt wurde. Vor diesem Hintergrund wurde untersucht, welche Nutzungen zukünftig denkbar und sinnvoll sind und wie adaptive Eingriffe so gestaltet werden können, dass die anerkannten kulturellen Werte des Gebäudes erhalten bleiben. Schließlich wurde das Gebäude nicht isoliert betrachtet, sondern in seinen städtischen Kontext eingeordnet. Die Entwicklung Almatys und des unmittelbaren Umfelds hat die Wahrnehmung und Funktion des Gebäudes verändert. Fragen der Infrastruktur, Erreichbarkeit und der Verbindung zur Fußgängerzone der Panfilova Street waren ebenso Teil der Diskussion wie die Möglichkeit einer Pufferzone und zukünftiger städtebaulicher Leitlinien. So wurde deutlich, dass die Erhaltung eines einzelnen Baudenkmals immer auch mit der Entwicklung seines urbanen Umfelds verbunden ist.
Zusammengenommen bildeten die vier Arbeitsfelder unterschiedliche Maßstabsebenen einer gemeinsamen Frage: Was macht den Wert des Gebäudes aus, wie kann dieser Wert erhalten werden, und wie kann das Gebäude zugleich Teil einer lebendigen Stadt und ihrer zukünftigen Entwicklung bleiben? Die gemeinsame Arbeit soll über die Veranstaltung hinaus fortgeführt werden. Vorgesehen ist unter anderem die Erarbeitung einer gemeinsamen Resolution zur zukünftigen Entwicklung und Erhaltung des Gebäudes.

Dissonant_Almaty_02

Bewusstsein schaffen, Zukunft gestalten
Eine zentrale Erkenntnis der Veranstaltung war, dass der langfristige Schutz des architektonischen Erbes des 20. Jahrhunderts nicht allein eine Frage denkmalpflegerischer Methoden und gesetzlicher Schutzinstrumente ist. Ebenso entscheidend ist die gesellschaftliche Wahrnehmung und Anerkennung dieses Erbes.
Die Diskussionen in Almaty machten deutlich, wie wichtig es ist, Wissen über die Architektur des 20. Jahrhunderts frühzeitig zu vermitteln und bereits in der schulischen Bildung ein Bewusstsein für ihren kulturellen Wert zu schaffen. Gleichzeitig braucht es Räume, in denen junge und aufstrebende Fachleute ihre Perspektiven einbringen, Verantwortung übernehmen und aktiv an der Entwicklung zukünftiger Strategien der Denkmalpflege mitwirken können.
Dabei zeigte sich, dass die Einbindung von Emerging Professionals weit über klassische Nachwuchsförderung hinausgeht. Als Organisatorinnen und Organisatoren, Vortragende und aktive Mitgestalter des Workshops brachten sie eigene fachliche Perspektiven ein und übernahmen Verantwortung für die Auseinandersetzung mit konkreten Fragen der Denkmalpflege. Gerade hierin lag eine besondere Stärke der Veranstaltung: Global Dissonant Modernities verband internationale fachliche Debatten mit praktischer Arbeit und schuf zugleich Raum für eine aktive Beteiligung der nächsten Generation von Denkmalpflegerinnen und Denkmalpflegern, Architektinnen und Architekten sowie weiteren im Kulturerbe tätigen Fachleuten.

Dissonant_Almaty_03

Internationale Zusammenarbeit als Ausgangspunkt
Die Konferenz und der Workshop wurden durch die enge Zusammenarbeit von ICOMOS Germany, ICOMOS Kazakhstan, dem UNESCO Chair an der KazGASA, ICOMOS ISC20C, dem University Forum sowie weiteren Partnern und Institutionen in Kasachstan und international ermöglicht und von der Stiftung West-Östliche Begegnungen gefördert. Gastgeber waren die KazGASA und das Tselinny Center of Contemporary Culture.
Der intensive Austausch zwischen lokalen Akteurinnen und Akteuren und internationalen Expertinnen und Experten war dabei von besonderer Bedeutung. Almaty wurde nicht lediglich als Fallbeispiel für die Herausforderungen des Erhalts von 20.-Jahrhundert-Architektur verstanden, sondern als Ort gemeinsamen Lernens und der Entwicklung neuer Perspektiven.
Global Dissonant Modernities hat damit nicht nur wichtige Fragen zur Wahrnehmung, Bewertung und Erhaltung des architektonischen Erbes des 20. Jahrhunderts aufgeworfen, sondern auch gezeigt, wie produktiv der Austausch zwischen unterschiedlichen Ländern, Fachrichtungen und Generationen sein kann. Die Veranstaltung war zugleich Ausgangspunkt für weitere internationale Kooperationen. Die begonnenen Gespräche und die gemeinsame Arbeit am House of Government sollen fortgesetzt und in zukünftigen Projekten weiterentwickelt werden.
Global Dissonant Modernities war damit nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem architektonischen Erbe des 20. Jahrhunderts, sondern auch ein gemeinsamer Blick auf dessen Zukunft.

(Fotos: Emil Kallias)

Deutsches Nationalkomitee von ICOMOS e.V.         X Bluesky
  Kultur und Medien