Tagungsbericht zur Tagung "Fernab der Metropolen - Denkmale erhalten in ländlichen Regionen"
Die zweitägige Tagung in Altenburg und Langenleuba-Niederhain (Thüringen) hatte es sich zum Ziel gesetzt, die strukturellen Probleme bei Erhalt und Pflege historischer Bausubstanz im dünn besiedelten ländlichen Raum (d.h. in Kleinstädten und Dörfern) in den Fokus zu nehmen. Dazu gehören Aspekte wie zu wenige Menschen für viel historische Bausubstanz, dadurch hoher Leerstand, Auswirkungen der Strukturschwäche in ländlichen Regionen auf den Baubestand oder auch finanziell überforderte Länder, Landkreise und Kommunen. Bei allen Herausforderungen wollte die Tagung aber ganz ausdrücklich nicht nur aufzeigen, wo die Defizite liegen, was alles vermeintlich schiefläuft oder unumkehrbar erscheint. Vielmehr ging es auch um Lösungsansätze, Initiativen und Denkanstöße, teils von Landes- und kommunaler Ebene, teils bedingt durch ehrenamtliches Engagement.Die beiden Veranstaltungsorte Altenburg und Langenleuba-Niederhain zeigen exemplarisch die Probleme und Chancen des Denkmalerhalts im ländlichen Raum. Die ehemalige Residenzstadt und heutige Kreisstadt Altenburg in Ostthüringen verfügt über einen reichen Baubestand aus verschiedenen Jahrhunderten, der in den letzten Jahren teils umfangreich saniert wurde. Allerdings kämpft die Stadt mit hohem Leerstand durch Abwanderung, mangelnde hochwertige Arbeitsplätze und somit ungenügende Attraktivität für junge Menschen und Familien aus der Region Leipzig. Gleichzeitig besitzt Altenburg hohes touristisches Potenzial durch seine historische Altstadt und die gute Anbindung an die Großstadt Leipzig sowie an weitere Regionen Mitteldeutschlands. Dieses Potenzial versucht die Stadt stärker zu nutzen, indem sie sich z.B. auf ihre Rolle als Stadt der Spiele beruft und im historischen Yosephinum eine multimediale Spiele-Erlebniswelt einrichtet, die ab Ende 2027 pro Jahr Zehntausende in die Stadt locken soll.
Das Dorf Langenleuba-Niederhain im Altenburger Land mit seinem sogenannten Halben Schloss ist ein anschauliches Beispiel für das erfolgreiche Bemühen um nachhaltige Revitalisierung eines über 60 Jahre leerstehenden herrschaftlichen Gebäudes im ländlichen Raum und damit auch um Belebung der kleinen umgebenden Gemeinde. Auch wenn ein langer Weg bei der Instandsetzung des Schlosses zu beschreiten ist, zeigt sich hier anschaulich, wie durch bürgerschaftliches Engagement eine praktizierte Denkmalpflege der kleinen Schritte gelingen kann.
Erster Tag in Altenburg:
In der Einführungssektion befassten sich Sebastian Reipsch (Thüringer Landesamt für Denkmalpflege) und Frank Rosenfeld (Bürgermeister von Altenburg) mit dem Denkmalbestand in der Stadt und im Landkreis Altenburger Land und mit den Herausforderungen wie auch Chancen seit der Wiedervereinigung. Grundtenor war, dass Kommune und Landkreis bzw. Bundesland immer versuchen sollten, Anreize zum Denkmalerhalt anzubieten; dennoch könne man sich aus Finanz- wie auch Kapazitätsgründen nicht allein auf sie verlassen. Vielmehr müssten auch ehrenamtliches, privatwirtschaftliches und gemeinnütziges Engagement mitgestalten und Anstöße geben.
Im Anschluss erfolgten zwei Stadtrundgänge, die den Reichtum des Baubestands, aber auch die drängendsten Herausforderungen bei dessen Erhalt aufzeigten.
Sektion 2 befasste sich mit dem Spannungsverhältnis von Land und Stadt. Im Referat von Inge Gotzmann (BHU) ging es um Heimatengagement für Baukultur und Kulturlandschaft und dabei um Aspekte wie Weitergabe von alten Techniken, Schutz immaterieller Werte sowie Zusammenspiel von Natur- und Heimatschutz. Die Referentin betonte die Notwendigkeit der Vernetzung der Akteure und die Bildungs- und Nachwuchsarbeit.
Katja Fischer, Geschäftsführende Vorständin der Stiftung Baukultur Thüringen, referierte über die IBA Thüringen als Motor. Sie bezeichnete den Denkmalschutz als Ratgeber in der momentanen Polykrise und plädierte ggf. für minimale Maßnahmen beim Umgang mit historischen Bauobjekten. Trotz des zu lobenden privaten Engagements bräuchte es den Rückhalt der Institutionen und Netzwerke (z.B. für Finanzierungen und Trägermodelle).
Im Referat von Nadine Hoffmann ging es am Beispiel des Oberen Mittelrheintals um die Frage, ob Kulturlandschaften als Welterbeobjekte Modelle für eine zeitgemäße Pflege von Kulturlandschaften sein können. Sie zeigte die Vor- und Nachteile auf, die eine in die Welterbeliste eingetragene Kulturlandschaft für den Erhalt hat. Der erhöhten touristischen Aufmerksamkeit, den größeren finanziellen Ressourcen und dem interdisziplinären Management stünden als „Minuspunkte“ die eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten, die Gefahr der Musealisierung und der Akzeptanzverlust bei der örtlichen Bevölkerung gegenüber.
Im abschließenden Referat stellte Insa Christiane Hennen das europäische LEADER-Programm vor, ein Förderprogramm für den ländlichen Raum, das auch für Denkmalschutzmaßnahmen beantragt werden kann. Bei LEADER, das für Liaison entre actions de développement de l'économie rurale steht, handelt es sich um ein Fördermodell, das bei einer „Denkmalpflege von unten“ ansetzt.
Als zu Befragende für die abendliche Podiumsdiskussion zu Themen des Schutzes und der Revitalisierung des ländlichen Raumes nahmen teil: Elke Bergt (Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, Leiterin Abteilung Bau), Annette Liebeskind (Deutsche Stiftung Denkmalschutz), Uwe Melzer (Landrat Altenburger Land), Sabine Ortmann (Vorsitzende IPSBG e.V.) sowie Bodo Ramelow (MdB und ehem. Ministerpräsident von Thüringen). Neben Stellungnahmen aus ihren jeweiligen fachlichen Perspektiven gingen die Diskussionsteilnehmenden auch auf Fragen des Plenums ein. Einig war man sich darin, dass öffentliche Mittel nicht mehr ausreichen werden, um den Bestand zu halten. Bereits deutlich erschwerend und in der Zukunft noch zunehmend komme hinzu, dass es an Fachkräften und engagierten Bürger:innen fehle, die sich um die historischen Bauten kümmern. Neben der noch stärkeren Aktivierung des Bürgersinns bedürfe es vieler kleiner, flexibler und ggf. experimenteller Schritte, um dem gebauten Erbe wenigstens ansatzweise gerecht zu werden. Im Bewusstsein, dass kurz- und mittelfristig kein signifikanter Bevölkerungszuwachs im Altenburger Land und anderen ländlichen Regionen zu erwarten ist, bestand bei den Diskussionsteilnehmenden wie auch im Plenum weitgehend Konsens, dass die Kommune wie auch die anderen Bauträger aus denkmalpflegerischer Sicht bemüht sein sollten, angesichts von mangelnden Nutzungen ggf. Notsicherungen an den leerstehenden historischen Bauten vorzunehmen, um wenigstens die Bausubstanz für die nächsten Jahre zu stabilisieren.
Zweiter Tag in Langenleuba-Niederhain:
Am zweiten Tag standen eine Exkursion nach Langenleuba-Niederhain und weitere Referate dort im sogenannten Rittergut auf dem Programm. Zunächst wurden ortsbildprägende Objekte des Dorfes, die Kirche St. Nikolai, Kieshauers Gasthof und das Halbe Schloss, besichtigt. Gerade an den Beispielen der Kirche und des Halben Schlosses zeigen sich wie unter einem Brennglas die drängendsten Probleme der heutigen Zeit auf dem Land: sehr kleine Kirchengemeinden, die den Unterhalt der Kirchengebäude nicht stemmen können sowie oft jahrzehntelang ungenutzte Bauten von hohem bauhistorischem Rang, die nun ggf. mit sparsamen Mitteln instandgesetzt und einer neuen Nutzung zugeführt werden müssen.
In Sektion 3 „Ländliche Räume – Beispiele aus der Denkmalpraxis“ stellte zunächst Philipp Hesse die Förderstrukturen des Halben Schlosses vor, nachdem die Teilnehmenden bereits Gelegenheit gehabt hatten, den Bau und die schrittweisen Instandsetzungsmaßnahmen kennenzulernen.
Alexandra Riedel und Dana Ratz thematisierten im Anschluss das Problem der Kirchen ohne Gemeinde am Beispiel Brandenburg. Aufgrund der fehlenden Mittel könne es oftmals nur auf eine Minimalsicherung oder aber in Einzelfällen auf eine Umnutzung hinauslaufen, um Abrisse zu vermeiden.
Katrin Hitziggrad von den LeerGut-Agenten e.V. knüpfte in gewisser Weise an die Aussagen des vorhergehenden Referats an, indem sie für eine Umbaukultur warb. Die LeerGut-Agenten bieten Mentoring an und sehen sich als Prozessbegleiter bei Vermittlung, Erwerb und Umnutzung von leerstehenden Gebäuden. Bisher gibt es keine regelmäßige Förderung für diesen Verein.
Sektion 4 bemühte sich um eine Einordnung und einen Perspektivwechsel zum Thema Denkmalpflege im ländlichen Raum. Robert Knippschild vom Interdisziplinären Zentrum für transformativen Stadtumbau (Dresden) behandelte Trends der heutigen Siedlungsentwicklung in Deutschland und formulierte Erfordernisse an die Denkmalpflege. Angesichts einer zunehmenden Polarisierung zwischen Stadt und Land sprach er sich gegen den sog. Bauturbo aus (dieser betreffe vor allem die größeren Städte und produziere den Leerstand von morgen) und plädierte stattdessen für umfassende Umbaumaßnahmen am existierenden Baubestand. Dies erfordere ggf. mehr Flexibilität von den Denkmalpflegebehörden. Um Menschen in attraktive, aber schrumpfende Klein- und Mittelstädte zu locken, gebe es verschiedentlich schon Projektreihen, etwa zum Probewohnen.
Im letzten Referat der Sektion wie auch der Tagung wagte Tom Leiermann einen kompletten Perspektivwechsel in den Jemen, wo weitgehend ohne staatliche Denkmalpflege agiert und instandgesetzt werden müsse. Anders als in Mitteleuropa gehe es dort wegen der traditionell verwendeten Lehmarchitektur nicht in erster Linie darum, die Substanz zu erhalten, sondern sie immer wieder nach den überlieferten Techniken zu erneuern. Ähnlich wie in Deutschland und anderen europäischen Ländern gelte auch hier, dass nur ein genutzter und wertgeschätzter Baubestand auf Dauer erhalten werden könne.
Die Tagung endete mit dem Fazit, dass das Thema der Veranstaltung von großer aktueller Relevanz ist und der Fokus auf die spezifischen denkmalpflegerischen Anforderungen im ländlich, oft strukturschwachen Raum daher fortgesetzt werden müsste, da weiterhin erheblicher Austauschbedarf besteht. Es wurde angeregt, diese Tagung als Auftakt einer ICOMOS-Tagungsreihe zur ländlichen Denkmalpflege zu betrachten, möglicherweise im Abstand von zwei bis drei Jahren.
![]() Auftakt der Tagung im Landratsamt in Altenburg (Foto: A. Riedel) |
![]() Stadtführung in Altenburg (Foto: A. Riedel) |
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![]() Führung durch die Altenburger Altstadt (Foto: J. Ziesemer) |
![]() Abendliche Podiumsdiskussion im Landratsamt (Foto: J. Ziesemer) |
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![]() Im Innenhof des Halben Schlosses in Langenleuba-Niederhain (Foto: A. Riedel) |
![]() Führung durch das Halbe Schloss (Foto: J. Ziesemer) |
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